Dubiose Pharmatests an Heimkindern

Es geschah bis in die späten 1970er Jahre: In vielen Heimen und Kliniken testeten Mediziner und Pharmafirmen auf dubiose Weise Arzneien an jungen Menschen. Das gilt auch für Schleswig-Holstein. Nun arbeitet das FDP-geführte Kieler Sozialministerium an einem Bericht, der weitgehend auf Untersuchungen des Lübecker Uni-Instituts für Medizingeschichte beruht. Danach steht fest, dass es in staatlichen wie in privaten Einrichtungen zu systematischen Medizinversuchen an Kindern und Jugendlichen kam. Aufgedeckt hatten das Recherchen des Norddeutschen Rundfunks schon von 2016 an.

Entschädigungen flossen kaum

Rund 1200 Betroffene allein aus Schleswig-Holstein haben sich seitdem an die bundesweite „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ gewandt. Viele wurden abgewiesen, andere bekamen Entschädigungen, im Höchstfall jedoch nur 14.000 Euro. Etwa 250 Anträge werden gegenwärtig noch bearbeitet. Besonders gravierend ist dabei, dass sich die Pharmaunternehmen, in deren Interesse diese oft belastenden Versuche geschahen, sich heute der Mitarbeit, der Aufklärung und eines denkbaren Ausgleichs verweigern. Die CDU-Politikerin Katja Rathje-Hoffmann zeigte sich erschüttert über dieses Verhalten. Landeskrankenhäuser waren offenbar sogar froh, dass Pharmafirmen verbilligt oder gratis Testarzneien abgaben. Das schonte deren Budgets.

Christof Beyer, einer der beteiligten Lübecker Forscher, sieht einen Grund für die Zusammenarbeit außerdem in der damaligen „desolaten Situation“ der Landeskrankenhäuser und der psychiatrischen Kliniken: „Personelle Unterversorgung und überfüllte Kliniken haben es begünstigt, dass Patienten ruhiggestellt werden sollten.“ Auch durch Medikamente in der Erprobungszeit, auch trotz schwerer Nebenwirkungen.

Ohne Aufklärung und Einwilligung

In Fachartikeln aus jenen Jahren gebe es Belege für „Atemstillstand“, „Kollaps“ und „psychische Störungen“. Hinweise auf eine Aufklärung der Patienten oder gar deren Einwilligung habe man nie gefunden. Unter den beteiligten Firmen finden sich mehrere große Pharma-Unternehmen. Im speziellen berichten die Forscher von Hinweisen „auf die Etablierung eines Verbundes zur Prüfung von Bayer-Substanzen“ weit über Schleswig-Holstein hinaus. Die Firmen honorierten manche Ärzte für diese Tests. Bayer hat sich gegenüber dem NDR noch nicht konkret dazu erklärt – man könne in den Archiven darüber nichts finden, heißt es lediglich.

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